Leben

Rückblick Studienreise Niederlande

“Oh, die Orte, die du sehen wirst!“ Starke Stadtgesellschaften
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Erwartungsvoll begibt sich Dr. Seuss, ein amerikanischer Kinderbuchautor, auf Reisen. Dr. Seuss war auch Visionär. Viele Bilder, wenig Text – so gestaltete er zu Beginn des 20. Jahrhunderts seine Kinderbücher. Er erkannte, was seine Leser wünschten und brauchten und reagierte darauf. Großartige Comics fanden ein begeistertes Publikum und gehören heute noch zur Pflichtlektüre unserer Kreativen.

“Oh, die Orte, die du sehen wirst!“, das waren auch unsere erwartungs-vollen Gedanken vor Antritt unserer dreitägigen Studienreise im Rahmen des Förderprogramms „Hochdrei- Stadtbibliotheken verändern“.


Veränderungen auf zahlreichen Ebenen von Gesellschaft und Beruf spüren wir alle zunehmend. Die Bibliotheken wandeln sich und suchen Antworten auf die Fragen:
Wie können wir öffentliche Angebote neu gestalten, damit Menschen unserer Stadtgesellschaft diese gerne annehmen, sich zusammenfinden, um Anregungen weiterzugeben und aufzugreifen? Wie kann man den Anreiz und die persönliche Freude für den Prozess des Mitgestaltens wecken und stärken? Wo wollen wir gemeinsam hin und welche Wege wählen wir?

Dafür brauchen wir Diskussionsraum.
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Einige unter uns erinnern sich noch an die Veränderungen in den 90ger Jahren des 20. Jahrhunderts, seitdem bestimmt uns ein ständiger Wandel. Die räumlichen Verbesserungen mit Einzug der Bibliothek in das neue Schulgebäude Gymnasium/Regenbogenschule war ein wichtiger Schritt. Die Zeit beengter, verwinkelter Räume war vorbei – ein lichtdurchfluteter,
freundlicher Raum lädt seit vielen Jahren die Besucher ein. Zugleich hatte man mit dem neuen Standort im Herzen des Schulzentrums und der Kooperation zwischen Landkreis und Stadt eine sehr moderne Lösung gefunden. Schule und Stadtgesellschaft können aufeinander treffen, Transparenz ist möglich.
Kolleginnen und Kollegen beneiden mich oft um diese klugen Voraussetzungen.

Die Standortfrage ist auch ein wichtiger Faktor für den laufenden Wandel der Landsberger Bibliotheksangebote - die Bibliothek wird nicht mehr ausschließlich als Ort für Bücher und Medienausleihe gesehen - die heutige Bibliothek ist der Ort für Menschen!

Erinnern Sie sich noch an die langen Regalreihen, von oben bis unten mit Büchern gefüllt, erinnern Sie sich an die Stille? In den letzten Jahren hat sich durch Besucher und Bibliothekar ein bunter, lebendiger Treffpunkt entwickelt. Heute sehen Sie zuerst die aktiven Menschen.

Hier kommt man zusammen um zu reden, zu lernen, zu spielen – und natürlich auch, um zu lesen. In der heutigen Bibliothek wird programmiert, junge Bastler und Handwerker testen sich aus. Hier schaut man sich alleine oder mit Freunden die ersten Bücher über „Seks“ an, man liest einander vor und hört einander zu, man albert und streitet.

Kinder und Jugendliche verbringen freiwillig Ferientage in der Bibliothek, um zu lernen. Äußerst engagiert, mit viel Spaß und Kreativität dringen sie in ein Sachthema ein, kümmern sich um das Miteinander, Naturschutz und andere Stadtangelegenheiten. Sie fabulieren und gestalten digitale Medien, sie probieren und präsentieren. Manchmal wird in der Bibliothek auch geschlafen – kommen Sie bitte auf keine falschen Gedanken – dann  ist natürlich Lesenacht.

Das klingt alles schon sehr vielseitig, ist es auch. Trotzdem gibt es Diskussionsbedarf. Wie wollen wir die offenen Fragen als Stadtgesellschaft beantworten, wie erreichen wir mehr derer, die bisher kein Interesse für all die Aktivitäten hatte?

Dafür haben wir, die Bürgermeisterin Anja Werner und die Bibliothekarin Carola Henke, uns auf den Weg gemacht. Reisen bildet, öffnet den Horizont und das Herz, unterstützt eigene Ideen, bringt neue dazu, zeigt Wege auf und nimmt Ängste. All das haben wir aktiv bei unserer Studienreise in die Niederlande erleben können. Die Kulturstiftung des Bundes hatte uns zur Teilnahme im Rahmen des Förderprogramms „Hochdrei – Stadtbibliotheken verändern“ ausgewählt und ein hervorragend vorbereitetes Programm führte uns durch fünf Städte und deren öffentliche Bibliotheken.

Gestartet sind wir in Amsterdam, in der Openbare Bibliotheek. der größten öffentlichen Bibliothek Europas. Eröffnet wurde der imposante Neubau 2007. Bereits 2017 hat man das Einzugskonzept umgekrempelt und die Flächennutzung radikal zugunsten von Arbeitsplätzen, Raum für Gespräch und kreatives Gestalten geändert. Das Restaurant in der siebten Etage lädt zum chillen und staunen - großartiger Ausblick auf die Stadt - ein.
Beim Betreten der Nieuwe Bibliotheek in Almere glaubt man sich in einem modernen Medienkaufhaus.
CODA Apeldoorn punktet mit dem Zusammenspiel von Museum und Bibliothek. Schwerpunktthemen finden im gesamten Haus ihren Raum, aktuell alles zum Thema Papier. Bekanntermaßen hat die Bibliothek davon eine ganze Menge. Das Team des Hauses hat aber natürlich noch andere Ideen. Im Makerspace -Labor wurde mit Pappe Kunst entworfen und Modelle zur Konsole Labo Switch gebaut.
Nachhaltigkeit war in Apeldoorn großes Thema.

Käseliebhaber kennen Gouda, Die dortige Chocoladefabriek zieht ihre Gäste durch Bibliothek, eine künstlerisch betreute Druckerwerkstatt und ein Restaurant an sieben Tagen in der Woche ins Haus. Auch hier gibt es immer was zu entdecken und zu tun.

Die Altstadt von Delft ist mit zahlreichen Sehenswürdigkeiten beschenkt, die Bibliothek DOK Delft gehört unbedingt dazu. Hier hat der niederländische Architekt Aas Vos seine Handschrift hinterlassen. Sein Motto: Die Bibliothek ist das öffentliche Wohnzimmer der Stadt!
Mit dieser Idee hat er neben den Inspirationen zur Inneneinrichtung öffentlicher Räume auch Impulse für deren inhaltliche Arbeit gegeben.
Im DOK Delft geben Künstler, Musiker, Pädagogen, Sportler und Gastronomen gemeinsam ihr Bestes für die Stadt.

Wie in allen anderen Bibliotheken sind auch in Delft die verschiedenen Aktionsbereiche einsehbar. Am Abschlussabend teilten wir uns das Haus mit Lesern und Studierenden. Alle Staffeleien im Kunststudio waren belegt, in den Musikstudios probten Gruppen oder Unterricht fand statt, im Gymnastikraum tobten sich Männer und Frauen aus. Jeder hatte seinen Raum, konnte ungestört seinen Interessen nachgehen und konnte gleichzeitig die Aktivität des anderen als Anregung aufnehmen.

Fünf Einrichtungen – fünf Konzepte. Was vereint diese Einrichtungen?

Der Blick auf die Bedürfnisse der Stadtgesellschaft lässt überall Bereiche zusammenwachsen. Kooperation ist kein Machtspiel, kein Aufrechnen sondern erzeugt Synergien, welche die Vorteile und die Kraft der Angebote wirkungsvoller gestalten lässt. Schnelle Reaktionen auf gesellschaftliche Veränderungen durch Offenheit aller Partner bestimmen die konzeptionelle Arbeit, der Mut zum Fehler hat uns erstaunt. Konzeptionelle Arbeit findet ausreichend Zeit für Entwicklung und Durchführung. Es war eine sehr inspirierende und humorvolle Atmosphäre der Partner – Politik, Stadtgesellschaft, Fachkräfte - zu spüren, aber auch der Anspruch gegenseitige Forderungen aufzustellen – das ist unerlässlich für die Weiterentwicklung.
Die Bibliotheken haben einen exponierten Standort, halten ihre Räume vielseitig und ausgiebig offen. Ausreichend Fachkräfte unterschiedlicher Sparten bringen begeistert vielseitige Bildungs- und Kulturangebote ein.
Unsere Eindrücke zeigen die hohe Wertschätzung der niederländischen Gesellschaft für Bildung und Kultur als Voraussetzung eines aktiven Miteinanders.

Die Zusammensetzung der Reisegruppe, Vertreter der Kommunen und der Bibliotheken, haben ebenfalls angeregte Gespräche zu unseren

Bedingungen und Zielen ermöglicht. Berge und Gräben müssen überall überwunden werden. Wunsch aller ist es, in der Phase der Ideenfindung, der Gespräche und konkreten Planung, Unterstützung durch die Stadtgesellschaft und die Kulturstiftung zu erfahren. Für Landsberg heißt das: unsere Ziele, unsere Ideen, unsere konkreten Pläne und Wege entdecken, entwickeln, formulieren und umsetzen!

Finden Sie nicht auch, dass wir beide an dem großen Tisch noch sehr verloren wirken?
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Quelle aller Fotos: Kulturstiftung des Bundes 1